Enterprise Architecture
Clean Core und Side-by-Side sauber abgrenzen
Ein Entscheidungsmodell für Standard, Erweiterung im Kern und eigenständige Unternehmensanwendung.
Clean Core wird gelegentlich auf eine einfache Formel reduziert: keine Individualentwicklung mehr im SAP-System, alles auf die BTP. Diese Verkürzung führt zu ebenso unpassenden Lösungen wie ein unkontrolliert veränderter Kern.
Entscheidend ist nicht, ob eine Erweiterung individuell ist, sondern wo sie fachlich und technisch hingehört.
Drei unterschiedliche Kategorien
1. Standardfunktion
Standardisierte Prozesse sollten möglichst im Standard bleiben. Dazu gehören Funktionen, deren Regeln weitgehend durch Gesetz, Branche oder bewährte Unternehmenspraxis geprägt sind.
Anpassungen sind hier besonders kritisch: Sie erhöhen Prüf-, Wartungs- und Upgradeaufwand, ohne automatisch einen geschäftlichen Unterschied zu schaffen.
2. Kernnahe Erweiterung
Manche Anforderungen ergänzen einen vorhandenen Geschäftsprozess unmittelbar. Eine freigegebene Erweiterung im Kern kann sinnvoller sein als eine künstlich ausgelagerte Anwendung, die für jeden kleinen Schritt über eine Systemgrenze kommunizieren muss.
Voraussetzung ist, dass die verwendeten Erweiterungspunkte und Schnittstellen upgrade-stabil sind und die Anpassung die Verantwortungsgrenze des Kerns respektiert.
3. Eigenständige Unternehmensanwendung
Ein spezifischer Prozess mit eigener Fachlogik, Benutzerführung und Lebensdauer gehört häufig außerhalb des ERP-Kerns. Das ist der klassische Side-by-Side-Fall: Die Anwendung bleibt eigenständig, ist aber über stabile APIs oder Ereignisse mit dem Kern verbunden.
Ein praktisches Entscheidungsmodell
| Frage | Tendenz |
|---|---|
| Ist die Funktion im Standard ausreichend vorhanden? | Standard nutzen |
| Ergänzt sie nur einen bestehenden Kernprozess? | freigegebene kernnahe Erweiterung prüfen |
| Enthält sie eigenständige, differenzierende Fachlogik? | Side-by-Side prüfen |
| Benötigt sie unabhängige Releasezyklen oder Skalierung? | Side-by-Side wird wahrscheinlicher |
| Würde die Auslagerung viele synchrone Kleinstaufrufe erzeugen? | Grenze nochmals prüfen |
| Ist keine SAP-Integration erforderlich? | möglicherweise unabhängige Anwendung statt BTP-Erweiterung |
Der Supertanker und die Schnellboote
Ein ERP-Kern ähnelt einem Supertanker: stabil, leistungsfähig und für eine klar definierte Hauptaufgabe gebaut. Er sollte nicht für jede kurzfristige Spezialaufgabe den Kurs ändern.
Side-by-Side-Anwendungen sind die Schnellboote: Sie können spezialisierte Aufgaben übernehmen und unabhängig reagieren. Aber auch ein Schnellboot benötigt eine definierte Aufgabe, sichere Übergabepunkte und einen verantwortlichen Betreiber. Sonst entsteht keine Flexibilität, sondern eine schwer steuerbare Flotte.
Was Clean Core wirklich verlangt
Clean Core bedeutet für mich:
- Änderungen am Kern bewusst minimieren
- freigegebene, stabile Erweiterungspunkte und APIs verwenden
- Verantwortungs- und Systemgrenzen dokumentieren
- nicht mehr benötigte Erweiterungen abbauen
- technische Schulden sichtbar entscheiden und regelmäßig überprüfen
- Kern, Erweiterungen und Betrieb gemeinsam governieren
Fazit
Clean Core ist kein Verbot individueller Software. Es ist eine Disziplin für klare Grenzen und upgrade-stabile Entscheidungen. Side-by-Side ist dabei ein wichtiges Werkzeug – aber nur dort, wo eine fachlich eigenständige Fähigkeit tatsächlich von Unabhängigkeit profitiert.
